Wer sich in den letzten Jahren nicht intensiv mit MySQL beschäftigt hat, dürfte aktuell verwirrt sein. Viele Administrator:innen und Entwickler:innen kennen Versionen wie MySQL 5.7 oder MySQL 8.0. Dann erschien plötzlich MySQL 8.4 LTS, anschließend eine Reihe von 9.x-Versionen – und nun liest man von MySQL 26.7.
Die naheliegende Frage lautet: Hat Oracle die Versionsnummerierung (mal wieder) komplett geändert?
Die Antwort lautet: Ja. Allerdings steckt dahinter wesentlich mehr als nur ein neuer Nummernkreis. Oracle hat in den letzten Jahren das gesamte Release-Modell von MySQL neu organisiert, um Releases vorhersehbarer zu machen und unterschiedliche Anforderungen von Unternehmen und Entwicklern besser zu bedienen.
Die klassische MySQL-Welt
Über viele Jahre war MySQL sehr klassisch versioniert. Neue Hauptversionen erschienen in großen Zeitabständen und wurden anschließend über Jahre gepflegt.
Typische Versionssprünge waren:
- MySQL 5.0
- MySQL 5.1
- MySQL 5.5
- MySQL 5.6
- MySQL 5.7
- MySQL 8.0
Dieses Modell war leicht verständlich. Wer sagte „Wir betreiben MySQL 5.7“, hatte damit bereits die wichtigste Information geliefert. Die Versionsnummer beschrieb gleichzeitig die technische Generation der Datenbank. (Siehe Oracle-Blog)
Mit MySQL 8.0 begann allerdings eine andere Entwicklungsstrategie. Neue Funktionen wurden nicht mehr nur in großen, seltenen Major-Releases bereitgestellt, sondern kontinuierlicher ausgeliefert. Dadurch stieß das bisherige Versionsschema zunehmend an seine Grenzen.
Der erste große Wandel: LTS und Innovation
Oracle führte deshalb ein Modell ein, das viele Anwender:innen bereits von Java, Ubuntu oder anderen Plattformen kennen: die Trennung zwischen langfristig unterstützten Versionen und einem Innovationszweig. Seitdem gibt es grundsätzlich zwei unterschiedliche Release-Arten.
LTS – Long Term Support
LTS-Versionen richten sich vor allem an Unternehmen und produktive Geschäftsanwendungen.
Hier stehen Stabilität, Planungssicherheit und lange Wartungszeiträume im Vordergrund. Neue Funktionen werden nicht um jeden Preis möglichst schnell ausgeliefert. Stattdessen liegt der Fokus auf Fehlerbehebungen, Sicherheitsupdates und einer möglichst stabilen Plattform.
Aktuelle Beispiele sind:
- MySQL 8.4 LTS
- MySQL 9.7 LTS
Diese Versionen sind die natürlichen Kandidaten für produktive Unternehmenssysteme.
Innovation Releases
Parallel dazu gibt es Innovation-Releases.
Sie richten sich an Anwender:innen, die neue Funktionen möglichst früh nutzen möchten und bereit sind, häufiger zu aktualisieren. Neue Entwicklungen erscheinen zuerst in diesem Zweig und können später in eine künftige LTS-Version einfließen.
Zwischen MySQL 8.4 und MySQL 9.7 entstanden daher zahlreiche Innovationsversionen:
- 9.0
- 9.1
- 9.2
- 9.3
- 9.4
- 9.5
- 9.6
Diese Nummern waren keine klassischen Hauptversionen, sondern Teil des Innovationspfades. Genau dieser Umstand führte bei vielen Anwender:innen zu Verwirrung.
Warum die 9.x-Versionen viele Nutzer:innen verwirrt haben
Aus Sicht eine:r typischen Administrator:in sieht die folgende Situation ungewöhnlich aus:
- 8.4 ist eine LTS-Version.
- 9.0 bis 9.6 sind Innovation-Releases.
- 9.7 wird wieder eine LTS-Version.
Dadurch konnte man allein anhand der Versionsnummer kaum noch erkennen:
- Wie alt ein Release ist.
- Welches Release langfristig unterstützt wird.
- Welche Version für den produktiven Einsatz empfohlen wird.
Genau dieses Problem möchte Oracle nun lösen.
Der zweite große Wandel: Calendar Versioning
Im Juni 2026 kündigte Oracle an, die Innovation-Releases künftig auf ein kalenderbasiertes Versionsschema umzustellen. Dieses Verfahren wird häufig als „CalVer“ (Calendar Versioning) bezeichnet.
Die Versionsnummer besteht nun aus Jahr und Monat:
- 26.7 = Juli 2026
- 26.10 = Oktober 2026
- 27.1 = Januar 2027
- 27.4 = April 2027
Die Zahl hat damit sofort eine Bedeutung.
Wenn jemand von MySQL 27.4 spricht, kann jeder unmittelbar erkennen, dass es sich um den geplanten Innovations-Release vom April 2027 handelt.
Für Administrator:innen ist das deutlich einfacher als bei einer Bezeichnung wie 9.3 oder 9.4, deren Veröffentlichungszeitpunkt nicht erkennbar war.
Bedeutet das, dass MySQL 26.7 neuer ist als MySQL 9.7?
Das ist eine der wichtigsten Fragen.
Technisch betrachtet handelt es sich um unterschiedliche Release-Linien.
MySQL 9.7 ist eine LTS-Version und bildet den Abschluss des bisherigen Versionsschemas. Anschließend startet Oracle bei den Innovation-Releases mit dem neuen Kalenderschema. MySQL 26.7 ist deshalb nicht „Version 26“ der Datenbank, sondern das Innovations-Release aus Juli 2026.
Die Zahl beschreibt also nicht mehr die Generation der Datenbank, sondern primär den Zeitpunkt des Releases.
Wie sehen zukünftige LTS-Versionen aus?
Besonders interessant ist, dass Oracle das Kalenderschema nicht nur für Innovation-Releases nutzt, sondern künftig auch für neue LTS-Linien.
Als Beispiel beschreibt Oracle eine zukünftige LTS-Version mit der Nummer 28.4.0, die im April 2028 starten soll. Anschließend würden Wartungsreleases beispielsweise 28.4.1, 28.4.2 oder 28.4.10 heißen. Die Kennung 28.4 bleibt dabei während der gesamten Lebensdauer dieser LTS-Linie erhalten.
Der Vorteil: Bereits an der Versionsnummer lässt sich erkennen, wann diese LTS-Linie ursprünglich entstanden ist.
Community Edition, Enterprise Edition und HeatWave
Bei der Diskussion über Versionen werden häufig auch die verschiedenen MySQL-Editionen durcheinandergebracht.
Dabei handelt es sich jedoch nicht um unterschiedliche Datenbanken, sondern um unterschiedliche Produktvarianten auf derselben technischen Basis.
MySQL Community Edition
Die Community Edition ist die frei verfügbare Open-Source-Version von MySQL.
Sie enthält den eigentlichen Datenbankserver sowie die meisten Funktionen, die Entwickler:innen und Administrator:innen im Alltag benötigen. Für viele Unternehmen und nahezu alle Entwicklungsumgebungen ist die Community Edition vollkommen ausreichend.
MySQL Enterprise Edition
Die Enterprise Edition baut auf derselben Datenbank auf, ergänzt diese jedoch um zusätzliche Werkzeuge, Support-Leistungen und Unternehmensfunktionen.
Dazu gehören unter anderem spezielle Sicherheits-, Monitoring-, Audit- und Backup-Funktionen sowie der kommerzielle Oracle-Support. Die Datenbank-Engine selbst bleibt jedoch grundsätzlich dieselbe.
MySQL HeatWave
HeatWave geht noch einen Schritt weiter.
Dabei handelt es sich um Oracles Cloud-Plattform rund um MySQL. Neben der eigentlichen Datenbank stehen dort zusätzliche Funktionen für analytische Auswertungen, Data-Warehouse-Szenarien, Machine Learning und Cloud-Betrieb zur Verfügung. HeatWave ist daher weniger eine weitere MySQL-Version als vielmehr eine umfassende Datenplattform auf Basis von MySQL.
Fazit
Die eigentliche Geschichte hinter MySQL 26.7 ist nicht die neue Versionsnummer. Die Versionsnummer ist lediglich das sichtbare Ergebnis einer grundlegenden Neuausrichtung.
Früher bestand MySQL aus einzelnen großen Hauptversionen wie 5.7 oder 8.0. Danach führte Oracle die Trennung zwischen stabilen LTS-Versionen und schnelleren Innovation-Releases ein. Nun folgt als nächster Schritt die Umstellung auf kalenderbasierte Versionsnummern.
Bei Anwender:innen erfordert das künftig vor allem zwei Entscheidungen:
- Möchte ich maximale Stabilität und einen langfristigen Supportpfad nutzen? Dann ist eine LTS-Version die richtige Wahl.
- Möchte ich neue Funktionen möglichst früh einsetzen? Dann nutze ich die Innovation-Releases.
Die neue Bezeichnung 26.7 wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich. Langfristig dürfte sie das Leben vieler Administrator:innen jedoch vereinfachen, weil die Versionsnummer erstmals direkt verrät, wann ein Release erschienen ist.
Ihr habt Fragen rund um Versionen oder den Betrieb (Upgrade) von MySQL? Wir helfen euch gerne. Sprecht uns an.
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