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Ein Bericht zum Big Bang KI-Festival 2026

Letzten Monat haben mein Kollege Muhammet Sen und ich in Berlin das Big Bang KI-Festival besucht. Mit uns waren rund 11.000 weitere Teilnehmende und Speaker am Start: Politiker, CEOs, Mediengrößen und natürlich auch jede Menge Tekkies. Zwei Tage lang gab es viele verschiedene Vorträge zu KI im politischen und wirtschaftlichen Rahmen sowie zu verschiedenen Anwendungsfällen.

Die ersten Eindrücke

Zuerst stand ich unglaublich lange in einer riesigen Schlange, um akkreditiert und eingelassen zu werden. Am Ende bekam ich ein ausgedrucktes Ticket, das ich mir um den Hals hängte. Wer kennt es nicht: Man besucht ein Event, das die technologische Zukunft Deutschlands zeigen soll, und trägt am Ende doch ein Stück Papier um den Hals.

Fairerweise muss man sagen, dass das Big Bang KI-Festival bisher ein Event für die Gesundheitsbranche war und dieses Jahr zum ersten Mal in dieser Größe stattfand. Vor diesem Hintergrund war es gut organisiert. Die Vorträge waren allerdings fast ausnahmslos überfüllt. Das lag vielleicht daran, dass sie einfach sehr interessant waren, vielleicht aber auch daran, dass man die Räume überschätzt oder das Interesse der Teilnehmenden unterschätzt hatte.

Das Programm bestand aus kurzen Talks von 15 bis 30 Minuten und aus Masterclasses, die in 55 Minuten einen Deep Dive in ein bestimmtes Thema boten.

Die Themen

Die Themen sowie die Speaker waren sehr vielfältig und ergänzten sich meiner Meinung nach ganz gut. Zum einen diskutierten Politiker:innen, wo sie Deutschlands Zukunft im KI-Wettstreit sehen. Unternehmer:innen stellten ihre Use-Cases vor. Physiker:innen berichteten über aktuelle Forschung und Ärzt:innen über ihre eigenen Projekte. Auch Schauspielende und andere Medienfiguren waren vor Ort und gaben Tipps zur eigenen Medienpräsenz.

Alles in allem gab es eine sehr bunte Mischung. Souveränität war natürlich auch ein großes Thema.

Wo bewegt sich denn nun Deutschland hin? Verlieren wir alle unsere Jobs?

Zu dieser Frage durfte ich mir zwei Tage lang viele verschiedene Meinungen anhören. Der ehemalige Bundespräsident Dr. Christian Wulff hielt eine Rede über Optimismus und begeisterte damit einen riesigen Saal mit Hunderten von Menschen.

Ansonsten gingen die Meinungen weit auseinander. Die einen sagten, der Mensch sei niemals ersetzbar oder bestimmte Branchen seien geschützt. Die anderen stellten in einem Deep Dive ihre „Zero-Human-Company“ vor, in der alle Mitarbeitenden KI-Agenten sind.

Abbildung 1: Die „Zero-Human-Company“ besteht ausschließlich aus verschiedenen KI-Agenten.

In einem Talk hieß es, vor allem kreative Jobs und soziale Berufe wie die Pflege seien sicher. Gleichzeitig standen draußen in der Halle Pflegeroboter und eine Werbeagentur präsentierte mehrere Spots, die sie mit KI und „KI-Artists“ produziert hatte. „Schauspieler sind da nicht mehr unbedingt notwendig“, sagte Dr. Georg Ramme, Co-Founder und Managing Director von Promptr, in seinem Talk „KI Kills Creativity!?“. Ehrlicherweise waren die Spots richtig gut und ich war trotz KI und Uncanny-Valley-Effekt gerührt. (Wen es interessiert: Hier ist ein echt guter, komplett KI-generierter Spot mit Einstein.)

Ob wir nun ersetzt werden oder nicht: Gelernt habe ich, dass es niemand wirklich weiß, aber jeder sehr überzeugt von seiner eigenen Ansicht ist. Aber gut, wer kann schon die Zukunft vorhersehen?

Bei der Positionierung Deutschlands im KI-Zeitalter waren sich dagegen fast alle einig. Auch die Politik hat inzwischen verstanden, dass in diesem Bereich viel Geld (und Macht) liegt und hat uns Tekkies ordentlich gelobt. Es ist auch mal schön, gesehen zu werden. Einig war man sich vor allem darin, dass wir den Wettlauf um die Large Language Models nicht nur verloren, sondern komplett verpasst haben. Deutschlands Zukunft in der KI soll deshalb in domänenspezifischer KI liegen, also in „Industrial AI“. Hier soll Deutschland sein tiefes Industriewissen nutzen und sich weiter etablieren.

KI made in Germany

Einer der ersten Vorträge kam von Dr. Rolf-Dieter Jungk, Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Seine Botschaft: KI kann echte Wertschöpfung bringen, etwa bei klimaneutraler Mobilität oder der Energiegewinnung und Deutschland soll zum weltweit führenden KI-Standort werden. Die Roadmap dafür setzt auf spezialisierte KI, vor allem in der Industrie und im Gesundheitswesen.

Dazu sollen die Kapazitäten deutlich wachsen: Bis 2027 werden Rechenzentren in München und Stuttgart ausgebaut, 2028 soll ein KI-Mega-Center folgen und bis 2030 sollen sich die Rechenkapazitäten verdoppeln und die KI-Rechenzentren vervierfachen.

Wie KI den US-Wahlkampf verändert

Ein Talk mit dem etwas längeren Titel „Wie KI den US-Wahlkampf verändert: AI-Super-PACs, Daten-Targeting und ein 300-Millionen-Angriff auf die politische Kontrolle“ kam von Julius van de Laar, Kampagnen- und Strategieberater. Seine These: KI ist inzwischen einer der größten Einflussfaktoren bei Wahlentscheidungen.

Gleichzeitig gibt es in der Bevölkerung eine gewisse Angst, sowohl wegen der Auswirkungen auf die Umwelt als auch wegen der Machtkonzentration (Beispiel: der Hugging-Face-Vorfall). Spannend fand ich die Frage, warum ausgerechnet die größten KI-Player selbst reguliert werden wollen. Mögliche Antworten: vielleicht mit Blick auf einen Börsengang. Oder zynischer, weil Regulierung es Nachzüglern schwerer macht und so die eigene Position im Markt sichert. Stichwort: Monopol.

Außerdem wurde deutlich, wie stark die gesellschaftliche Stimmung den Ausbau von Rechenzentren direkt beeinflusst. Data Center werden in den USA momentan sehr negativ gesehen und in einigen Staaten, zum Beispiel Texas, wurden Projekte kurz vor den Wahlen sogar gestoppt.

Insgesamt fiel mir auf, dass die „Gefahren“ von KI zwar oft erwähnt wurden, auch der Hugging-Face-Vorfall, die Ängste der Menschen aber eher übergangen wurden. Immerhin kam oft der Appell, dass wir selbst bessere Rechtekonzepte entwickeln, veraltete Strukturen loslassen und auf verantwortungsvolle KI setzen müssen.

From Control to Competitiveness

Thomas Saueressig (SAP) und Ferri Abolhassan (T-Systems International) stellten vor, wie sie gemeinsam mit Nvidia und Siemens eine deutsche KI (Sophie AI) mit eigenem KI-Zentrum in Deutschland aufgebaut haben. Im Mittelpunkt stand natürlich Souveränität: Man entscheidet selbst, wie weit die eigenen Daten rausgehen dürfen, ob nach Europa, nach Deutschland oder gar nicht aus dem eigenen Haus. Und auch hier wieder die bekannte Erkenntnis: Den LLM-Wettstreit haben wir verpasst, die Chance liegt in Industrial AI. 

Weitere Use Cases

  • Agentic Payment & Agentic Shopping: KI-Agenten, die selbstständig nach Produkten suchen, eine Auswahl treffen und bezahlen
  • AI in der Quantenmechanik: Algorithmusoptimierungen, digitaler Zwilling für einen Quanten-Computer
  • AI im privaten Leben und im Kundenservice: Bspw. kommunizieren zwei Agenten, um den nächsten Urlaub zu planen und zu buchen

Wie sieht es eigentlich mit dem Rest der Welt aus?

Ein roter Faden, der sich durch viele Vorträge zog, war die Unterschätzung asiatischer Länder, allen voran China. Viele Speaker scheinen nach wie vor stark in Richtung USA zu blicken. Sobald in einem Panel jemand erwähnte, dass in Katar bereits eine Unterrichtsstunde pro Woche der KI gewidmet ist und Kinder schon ab der 2. Klasse lernen, Deepfakes zu erkennen, folgte oft direkt Kritik an China oder Katar.

Asien sei noch nicht so weit, hieß es. Dabei hat Singapur erst vor Kurzem das erste Rechenzentrum aus menschlichen Gehirnzellen gebaut.

Jedoch muss man stark betonen, dass man auch in diesem Sektor ein nicht-so-stilles Wettrüsten beobachten kann. Jeder möchte sich im Weltmarkt gut positionieren und das beste Modell anbieten können.

Häufig wurde das auch als Grund genannt, warum man nicht langsamer werden könne, sonst würde es der andere (mal ist es China, mal die USA) machen.

Fazit

Das Big Bang KI-Festival lohnt sich auf jeden Fall, wenn man die Entwicklung rund um KI in Deutschland mitverfolgen möchte. Man bekommt Politik, Wirtschaft, Forschung und Medien an einem Ort und sieht ziemlich gut, wohin die Reise gehen soll. Nur eins sollte man mitbringen: Geduld. Es war sehr, sehr voll. 

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Freitag, 06. November 2026

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